I. Was ist die „Taufe“ eigentlich?



Grundsätzliche Betrachtungen aus evangelischer Sicht

"Die Taufe ist ein Sakrament und göttlich Wortzeichen, womit Gott, der Vater, durch Jesus Christus, seinen Sohn, samt dem Heiligen Geist bezeugt, dass er dem Getauften ein gnädiger Gott wolle sein und verzeihe ihm alle Sünden aus lauter Gnade um Jesu Christi willen und nehme ihn auf an Kindes Statt und zum Erben aller himmlischer Güter." (Johannes Brenz)

 

Der Organisator der Württembergischen Kirche bringt um 1535 auf den Punkt, was die Taufe ist. Sie ist demnach weit mehr als eine schöne Tradition, etwas anderes als eine Kindersegnung aber nach biblischer Sicht auch keine magische Handlung, die das "Heil" für einen Menschen ein für alle Mal "herbeizaubert".

 

Die folgenden Punkte sind der Versuch die alten Worte der Bibel und der Reformatoren in zeitgemäßer Sprache auszudrücken:



Aufnahmeritus in die Kirche

Taufe ist auf der einen Seite ein Ritual, das einen Menschen in die Kirche (Gemeinde) aufnimmt (vgl. Apg 2,38+41). Kirche meint dabei die (unsichtbare) Gruppe (Gemeinschaft) aller Menschen, denen die bedingungslose Liebe Gottes in Jesus Christus begegnet ist und sie überwältigt hat und die deshalb Ihr Leben ganz und gar in seine Hände geben - anders gesagt: "die an den dreieinigen Gott glauben". Eine Konversionstaufe - wenn Sie von einer Konfession zur anderen wechseln - ist somit nicht (mehr) vorgesehen. Die meisten seriösen Kirchen erkennen die Taufe anderer Kirchen an (Informationen unter: http://www.oekumene-ack.de). Die/der bei uns Getaufte wird zugleich Mitglied der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.



Taufe ist ein "Sakrament" oder „Wortzeichen“

Christen glauben, dass Gottes Wort das bewirkt, was es sagt (vgl. 1. Mo. 1 und 2: Gott sprach: "Es werde ..." und es wurde ...). Das gilt für alle Worte Gottes, besonders für die Verkündigung der Guten Botschaft (vgl. Rö. 1,17). Somit glauben Christen auch, dass die Taufe mehr ist als ein schönes Ritual. Es passiert das, was Paulus in Rö. 6 zusagt: "Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod".
Die Taufe nimmt Menschen in das hinein, was Jesus aus brennender Liebe am Kreuz für uns tut (vgl. Joh. 3,16). Sie wirkt also etwas, das kein Mensch (egal ob Erwachsener oder Kind) selbst kann, eben "Mitsterben" und "begraben werden" in Jesu Tod.



Warum ist dieses „Mitsterben“ für uns wichtig?

Gottes Wort geht davon aus, dass wir Menschen ein gewaltiges Problem mit Gott haben und zwar alle - ohne Ausnahme. Es besteht darin, dass wir selbst entscheiden wollen, was richtig und was falsch ist (vgl. 1. Mo. 3). Unser ganzes Wesen und Leben ist so ausgerichtet, dass wir bei jedem Schritt, den wir tun, fragen "Tut mir das gut?", "Was habe ich davon?", "Finde ich das richtig oder falsch?". Anders könnten wir gar nicht (über)leben. Wir klammern uns an uns selbst und unsere Bedürfnisse und Gefühle. Die Bibel nennt dieses Phänomen Sünde. Sie ist uns angeboren und bleibt uns bis zum Tod erhalten. Nun wollte Gott ursprünglich mit den Menschen zusammensein (1. Mo. 1+2), und zwar als Gott, d.h. der Schöpfer des Universums, der allein entscheidet, was gut und was schlecht ist, auf den wir auf Gedeih und Verderb angewiesen sind. Das sind wir immer noch, nur wollen wir es nicht wahrhaben. Was hätten wir zu essen, wenn nichts wachsen würde? Wie würden wir nur einen Tag überleben, an dem er uns nicht bewahrt? Wer kann garantieren, dass er nicht heute an Krebs erkrankt oder keinen Unfall hat? Das gilt natürlich auch für unsere Fähigkeiten und Eigenschaften usw.

Wir schauen stattdessen auf unser Wohl, was für richtig und falsch halten, was wir leisten (können). Übrigens bereits der Säugling - oder kennen Sie einen, der bei Hunger darauf Rücksicht nimmt, ob die Mutter gerade mal dringend schlafen müsste? Er muss so egoistisch handeln, um zu überleben, aber es ist Ausdruck unseres Problems selbst im Mittelpunkt unseres Lebens stehen zu müssen.

Die Folge davon ist der Tod (vgl. Rö. 6,23).



Jesus sagt uneingeschränkt „ja“ zu Dir - Neuschöpfung

"Da jammert Gott in Ewigkeit mein Elend Übermaßen" (vgl. EG 341). Wir tun Gott leid in unserer ausweglosen Situation, so leid, dass er selbst Mensch wird und stellvertretend unseren Tod, am Kreuz stirbt, damit wir Leben haben über den Tod hinaus (Rö 3,24 u.ö.).
In der Taufe dürfen wir seinen Tod "mitsterben", den er an unserer Stelle auf sich genommen hat. So hat der Tod keine Handhabe mehr gegen uns. So bekommen wir Gemeinschaft mit Gott und Leben, das den Tod nicht mehr fürchten braucht. Jesus, Gott selbst (vgl. Joh 1 u.ö.), sagt uneingeschränkt "ja" zu uns Menschen, obwohl er das Problem der Sünde sehr wohl sieht. Er liebt Dich so wie Du bist, ungeschminkt. Er will Dir begegnen, Dich mit seiner Liebe überschütten und Dich von ihm selbst überwältigen. Dies führt zu innerlicher Ruhe und Frieden, weil wir damit das gefunden haben, was das Leben wirklich ausfüllt und froh macht. Das ständige Jagen nach Sinn und immer neuen Zielen, hat ein Ende, wenn uns Jesus hautnah begegnet (Joh 10,10).
In seinem Wort und mit der Taufe sagt Jesus dieses vorbehaltlose "ja" zu mir und zu Dir. Wem das begegnet, der wird ein ganz neuer Mensch, ein neues Wesen. (vgl. Joh. 3). In der Taufe wird der Mensch neu. Gott will in ihm wohnen. Die Bibel spricht davon, dass der Heilige Geist im Leben der Getauften bleibend seine Wohnung bezieht.



Nicht wiederholbar

Wie Gott durch sein Wort einmal die Welt erschaffen hat, so schafft er uns in der Taufe einmal neu. Wir können nur einmal (mit)sterben und begraben werden. Jede Taufe ist gültig, ob von Erwachsenen oder Kindern. Eine zweite Taufe ist deshalb immer eine Wiedertaufe, die Jesus und sein Geschenk lächerlich macht.



Bedingungen für die Taufe? Das Verhältnis von Glaube und Taufe

Glaube heißt aus biblischer Sicht "sein ganzes Leben dem Willen Gottes auszuliefern und statt auf eigene Kräfte und eigenen Willen nur noch auf ihn allein zu hoffen und zu vertrauen". Dies ist dem Menschen unmöglich, es widerspricht seinem ganzen Wesen und Willen (vgl. Joh. 1,13+14 / Joh 6,65 u.ö.). Nur der, dem der auferstandene und lebendige Jesus Christus persönlich begegnet, überwältigt und begeistert, kann glauben. Gott selbst bewirkt das (Phil. 2,13). Glaube ist also ein Geschenk, das niemand machen kann - genauso auch die Taufe. Ein rationaler Glaube und die Taufe haben dasselbe Wesen: Beide sind durch Gottes Wort und Tat gewirkt und Geschenk.

So kann Glaube niemals die Tauf-Voraussetzung sein, sondern bestenfalls beim Erwachsenen für Getauft-werden-wollen. Das Eigentliche der Taufe wirkt Gott nicht menschlicher Glaube.



Kein magischer Heilsautomatismus

Dennoch ist Taufe keine magische Handlung, die ein für alle Mal das "Heil" eines Menschen bewirkt. Genauso wenig ist sie ein Zauberschild, das die/den Getauften fortan vor jeder Krankheit, Unfällen usw. schützen würde, so wie dies auch der Glaube nicht ist. Anders lautende Aussagen gehören ins Reich der Phantasie und des Aberglaubens.

Nein: "Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verloren sein." (Mk 16,16). Entscheidend dafür, ob ein Mensch Anteil am Leben von Jesus Christus hat ist der Glaube (vgl. Joh 3,16). Wer diesen Glauben für sich in Anspruch nimmt, muss sich allerdings im Klaren sein, dass er Auswirkungen auf das ganze Leben hat: Es gibt nur ganz oder gar nicht. Und das verändert das Leben und vor allem den Blick auf unsere Mitgeschöpfe. Christen sind aufgerufen und verpflichtet (Rö 6), die vorbehaltlose Liebe mit der uns Jesus liebt (vgl. 1. Kor. 13,4-7), auch an andere weiterzugeben. Ein Glaube, der weder nach Gottes Willen, noch seinem Wort (Mt. 4,4) fragt, die Gemeinschaft mit Gott (Gebet) oder anderen Christen meidet (Apg. 2,42) und lieblos ist, muss sich von Jakobus fragen lassen, ob es wirklich Glauben ist oder nur ein Lippenbekenntnis (Jak 2,17).

Deshalb werden erwachsene Täuflinge auch gefragt, ob ihnen diese Dinge (Grundlagen des Glaubens) bekannt sind und sie diese bejahen und deshalb ist es bei Säuglingen wichtig, dass Menschen da sind, die das Kind mit diesen Dingen vertraut machen, damit ihnen die Inhalte christlichen Glaubens und christliches Leben nach und nach bewusst und selbstverständlich werden. Dies ist die Aufgabe aller Christen, die mit diesem Kind zu tun haben, besonders aber der Eltern und der Paten. Sie machen sich vor Gott und an diesem Kind schuldig, wenn sie ihm den Anspruch Gottes an Christenmenschen nicht klar machen und ihm die Erfahrung, wie schön es ist als Christ zu leben, verweigern!

Manche meinen, dass die Taufe als bewusste Entscheidung des Täuflings eine Garantie des "Heils" wäre. Doch auch Erwachsene können vom Glauben wieder abkommen. Der Galater-Brief (u.a.) beschäftigt sich fast ausschließlich mit diesem Thema. Das bewusste "ja" ist keine Garantie, ebenso wenig wie das stellvertretende von Eltern und Paten.



Säuglings- oder Erwachsenentaufe?

Die Bibel kennt beides. Es überwiegen in der damaligen Missionssituation die Erwachsenentaufen, aber es gibt auch die Taufen ganzer Häuser, die alle im Haus umfassen, auch Kleinstkinder und sogar das Gesinde (vgl. Apg 16,15+33).
Es gibt biblisch keinen Grund das eine oder das andere zu bevorzugen, außer vielleicht, dass die Erwachsenentaufe mit dem Missverständnis einher gehen könnte, dass Glaube die Voraussetzung zur Taufe sei.
Die Säuglingstaufe bildet dagegen schöner das ab, was Jesus im sog. "Kinder-Evangelium" sagt: "Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen." (Mk 10,15). Gemeint ist nicht, dass Menschen dumm oder unreflektiert alles glauben müssten, was ihnen die Kirche sagt, sondern das Bild spricht davon, dass wir das wahre Leben - Leben bei und mit Gott - nur haben können, wenn wir es so annehmen wie ein Säugling die Mutterbrust, nämlich ohne etwas dafür tun zu können. Es ist darauf angewiesen, das es die Eltern versorgen. Jesus spricht davon, den Glauben so anzunehmen wie ein Kind, das gar nicht anders kann.



Übergabe an Jesus

Der Täufling wird auf den Namen des dreieinigen Gottes getauft. Sein Name wird über ihm ausgesprochen, nicht der von den Eltern ausgewählte. Wir übergeben den Täufling in Gottes Hand. Das heißt wir geben ihm das Leben zurück, das er geschenkt hat. Dies drückt aus, dass er jetzt Anteil hat an dem wunderbaren Geschehen am Kreuz und am Leben, das Gott schenkt.



Weitere Informationen

Wer das Thema vertiefen möchte oder wem diese sehr kurzen und holzschnittartigen 9 Punkte einfach zu knapp sind, dem sei der Lexikon-Artikel bei Wikipedia empfohlen, Martin Luthers "Großer Katechismus" oder der hervorragende Artikel von O. Hofius: Glauben und Taufe nach dem Zeugnis des NT: in ZTHK Bd. 91; 1994; S. 134-156