Der Gottesdienstraum

Für eine Dorfkirche beeindruckend groß und hell präsentiert sich der Kirchenraum, der völlig geprägt ist vom Bauernbraock mit seinen vielen Bildern, die munter und und verspielt zwischen christlichen Motiven und Naturmotiven abwechseln.

Fotos: (c) H. Scheich

Die Rundumempore gehört zum Orginalkonzept des Gebäudes. Sie ist so eingebracht, dass man "von oben", wo ursprünglich nur Männer saßen, fast ausschließlich die Kanzel sieht und keinesfalls die unten sitzenden Frauen. Leider sieht man dadurch auch nur von wenigen Plätzen zum Altar, was seit den Änderungen der württ. Gottesdienstordnungen ab den 1970er Jahren nicht vorteilhaft ist. Inzwischen aber sitzen die meisten Männer ohnehin bei ihren Frauen im Kirchenschiff und das "Sichtproblem" ergibt sich nur, wenn die Kirche (z.B. Dorfweihnacht) randvoll besetzt ist.

 

Um modernen Anforderungen an Gottesdienste gerecht zu werden, haben wir 2014 versucht, moderne Technik so zu integrieren, dass es dem wunderschönen Gesamtbild des Raumes keinen Abbruch tut (vgl. auch die ausfahrbare Leinwand über dem "Michael").

 Foto: (c) H. Scheich

Motive des Bauernbarock

Bei der Sanierung der Kirche in den 1950er Jahren gelang es die Originalmotive des Bauernbarock entlang der gesamten Felderdecke und der Emporenbrüstung zu erhalten und liebevoll wiederherzustellen. Dabei wechseln Naturmotive und christliche Motive in relativ unregelmäßiger Reihenfolge miteinander ab.Etliche Motive, wie z.B. Jesus als Siegeslamm (vgl. Off. 5,6 ff).

Immer wieder erscheint dabei auch ein weißer Großvogel, der auf Jan Hus hinweist (vgl. Kanzel).

Kriegerdenkmal mit Erzengel "Michael"

Ein Stein des Anstoßes war und ist das Kriegerdenkmal an der Westseite der Kirche:

 

Paul Kälberers (Mitbgeründer der Bernsteinschule) Sgraffito aus den Jahren 1956-58 passt sich in seinem, sehr an die Kunst der NS-Zeit erinnernden, Stil nur schlecht ins Gesamtensbel ein, obwohl die Farben der Kirche sensibel aufgenommen wurden.

 

Umstittener ist das Motiv an sich. Es zeigt Erzengel Michael, der im endzeitlich-himmlischen Kampf "die Schlange" (den "Drachen", den Teufel selbst) besiegt (Off. 12,7-9).

Nicht nur, dass ein "zweiter Drachentöter" in einer Georgskirche seltsam anmutet.

Problematischer ist die direkte Verbindung zu den darunter angebrachten Kriegertafeln (mit Hinweis auf die Auferstehungshoffnung aus Rö. 4,17-18), die der Gefallenen des 1. und 2. Weltkriegs (Bickelsberg hatte die prozentual höchste Gefallenenrate im ländlichen Raum in ganz Württemberg) gedenken und die alte Holztafel (1. Weltkrieg) an derselben Stelle ersetzen. Nur eine knappe Mehrheit des damaligen KGR konnte diese Deutung des himmlischen Kampfs gegen  das ultimative Böse auf das "3. Reich" mittragen.

 

Fotos: (c) H. Scheich

 

 

 

Ein Klick auf diesen LINK führt zu einem größeren Foto von Paul Kälberers Michael.

Motivfenster

 

 

Weit weniger spektakulär als das Sgraffito sind die 8 Motivfenster, die 1914 von Gust. Th. Dürr (Stuttgart) realisiert wurden und sich gut in die übrige Bleiverglasung einpassen. Leider sind sie so klein, dass sie in der großen Kirche kaum auffallen und fast schon "untergehen".

 

Die Fenster nehmen christliche Motive aus den Holzmalereien der Kirche auf u.a. den großen, weißen Vogel, der an Hus bzw. Luther erinnert (siehe Altar).

 

 

Fotos: (c) H. Scheich

Der Altar

Der schlichte Sandsteinaltar ist sicherlich wesentlich jünger als die Kirche selbst oder extrem gut restauriert.

 

Die Wollparamente passen in Farbtönen und Motiven zum Bauernbarock. Das war auch leitend für die Damen des "Kreativen Frauenkreises", die 2015-16 beide, bis dahin, fehelnde (schwarz, rot) Antependien mit großem Eifer, Liebe zum Detail und großem handwerklichen Geschick selbst für die Kirche erstellten.

 

Das Kugelkreuz auf dem Altar verweist auf die Weltherrschaft des auferstandenen und in den Himmel aufgefahrenen Christus (vgl. Eph. 1,20-22).

 

Foto: (c) H. Scheich

Die Kanzel

 

Direkt über dem Altar, quasi als zentraler Blickfang der Kirche, befindet sich die Kanzel aus dem Jahr 1751 und ein darüber hängendes Kruzifix.

 

Neben den vier Evangelisten ist (nicht zufällig zentral und mit Blick auf die Gemeinde) auf den Holzvertäfelungen auch Reformator Martin Luther dargestellt. Neben ihm ist eine Gans. Sie erinnert an den tschechischen Reformator Jan Hus (Gans), dem zugeschrieben wird, dass er 1415 auf dem Scheiterhaufen gesagt haben soll: "Heute bratet Ihr eine Gans. Aus der Asche aber wird ein Schwan entstehen". Schon Luther selbst hatte das auf sich bezogen.

Unklar ist, ob die übrigen großen weißen Vögel in der Kirche eher Gänse oder Schwäne darstellen. Der Bezug zur reformatorischen Tradition ist aber durchweg eindeutig. Ungewöhnlich ist, dass Dürr in einem Glasfenster auch den Heiligen Geist als Gans oder Schwan darstellt.

 

Fotos: (c) H. Scheich

Um sie vollständig anzusehen, einfach durch Anklicken vergößern:

Der Taufstein

Das älteste "Inventar" der Kirche könnte der Taufstein sein. Seine Entstehungszeit wird auf 1505 (Bickelsberg wird Pfarrei) vermutet. Dafür könnten auch die Verzierungen sprechen, die an spätgotische Fenster bzw. Rosetten erinnern.

Auf der Oberseite ist die Jahreszahl 1811 eingehauen. Sie weist entweder darauf hin, dass der Stein in diesem Jahr verschlossen und dabei der obere Abschluss neu gestaltet wurde oder dass der Taufstein doch erst  neugotisch ist.

 

Ursprünglich war der Stein (Farbreste sind erkennbar) in blauer und roter Farbe bemalt, was auf Jesu Aussage der Wiedergburt aus "Wasser und Geist" (Joh. 3,5) hinweist.

 

Foto: (c) H. Scheich

Die Orgel

 

 

Sehr schön fügt sich die Orgel in das Gesamtgefüge der Kirche ein. Ob der Orgelprospekt tatsächlich aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts stmmt oder von 1872 (wie der Kranz ausweist), ist leider nicht mehr zu klären.

Sicher ist, dass das technische Innenleben von Orgelbauer Weigle stammt.

 

 

Foto: (c) H. Scheich

Die Sakristei bzw. das Patronatsgestühl

Etwas Besonderes ist das Patronatsgestühl, das wie ein Chorgestühl gestaltet ist, aber lediglich drei Sitzplätze bietet. Es könnte für den Leidringer Vogt bestimmt gewesen sein. Dann würde sicher auch der abgeschlossene Raum dazugehören, der mit seinen Fenstern und Vorhängen an einen Beichtstuhl erinnert und heute als Sakristei dient. Dafür spricht auch, dass beide Einrichtungen keine christlichen Symbole aufweisen, sondern nur Naturmotive.

Eventuell wurde auch bei den "hohen Persönlichkeiten" die Trennung von Männern und Frauen, die für die übrigen Gottesdienstbesucher/innen durch die Empore gewährleistet wurde, durchgehalten und die adligen Frauen wurden im separaten Raum am Gottesdienst beteiligt.

Fotos: (c) H. Scheich