Der Gottesdienstraum

Für eine Dorfkirche beeindruckend groß und hell präsentiert sich der Kirchenraum, der völlig geprägt ist vom Bauernbraock mit seinen vielen Bildern, die munter und und verspielt zwischen christlichen Motiven und Naturmotiven abwechseln.

Fotos: (c) H. Scheich

Die Rundumempore gehört zum Orginalkonzept des Gebäudes. Sie ist so eingebracht, dass man "von oben", wo ursprünglich nur Männer saßen, fast ausschließlich die Kanzel sieht, von der aus der gesamte Gottesdienst "gehalten" wurde und keinesfalls die unten sitzenden Frauen. Leider sieht man dadurch auch nur von wenigen Plätzen zum Altar, was seit den Änderungen der württ. Gottesdienstordnungen (ab den 1920er Jahren) nicht vorteilhaft ist. Inzwischen aber sitzen die meisten Männer ohnehin bei ihren Frauen im Kirchenschiff und das "Sichtproblem" ergibt sich nur, wenn die Kirche (z.B. Dorfweihnacht) randvoll besetzt ist.

 

Um modernen Anforderungen an Gottesdienste gerecht zu werden, haben wir 2014 versucht, moderne Technik so zu integrieren, dass es dem wunderschönen Gesamtbild des Raumes keinen Abbruch tut (vgl. auch die ausfahrbare Leinwand über dem "Michael").

 Foto: (c) H. Scheich

Motive des Bauernbarock

Bei der Sanierung der Kirche in den 1950er Jahren gelang es, die Originalmotive des Bauernbarock entlang der gesamten Felderdecke und der Emporenbrüstung zu erhalten und liebevoll wiederherzustellen. Dabei wechseln Naturmotive und christliche Motive (z.B. Jesus als Siegeslamm, vgl. Off. 5,6 ff) in relativ unregelmäßiger Reihenfolge miteinander ab.

Bei manchen Motiven, wie dem immer wieder erscheinenden, weißen Großvogel, braucht der Betrachter die Unterstützung kunsthistorischen Wissens. Einer der Großvögel zum Beispiel ist ein Pelikan. Dieser war in der christlichen Ikonographie lange Zeit Symbol für den Opfertod Christi und für das Blut im Abendmahl. Das rührt von einer Naturbeobachtung her, die unseren Vorfahren den (wie man heute weiß, falschen) Schluss nahelegte, der Pelikan ernähre seine Jungtiere mit seinem eigenen Blut. Das erklärt auch, weshalb er auf den Bildern zusammen mit Jungtieren dargestellt ist. Der andere, der alleine auftaucht, ist Phönix, ein mythologisches Tier, das - entsprechend der ägyptischen und griechischen Legenden - am Ende seines Lebens stirbt oder verbrennt und aus seinem verwesenden Leib oder der Asche wieder neu entsteht. So wurde er immer wieder zum Symbol der Auferstehung Jesu.

Kriegerdenkmal mit Erzengel "Michael"

 

 

An der Westseite der Kirche ist die Gedenktafel der "Gefallenen und Vermissten". Diese werden in unserer Gegend immer noch Kriegerdenkmal genannt. Diese Steintafeln bilden zusammen mit der sehr großen Darstellung des Erzengels Michael ein Gesamtensembel.

 

 

Der Erzengel Michael, dargestellt in seinem siegreichen, himmlischen Kampf gegen "die Schlange" (den "Drachen", den Teufel selbst), vgl. Off. 12,7-9, ist ein Sgraffito von Paul Kälberer (Mitbgeründer der Bernsteinschule) aus den Jahren 1956-58.

 

 

Dieser Kampf wird durch die Steintafeln, welche die alte Holztafel (Gefallene des 1. Weltkriegs) ersetzte, direkt mit den Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege in Verbindung gebracht. In ihrem Zentrum steht die Auferstehungshoffnung aus  Rö. 4,17-18.

 

Fotos: (c) H. Scheich

 

 

 

Ein Klick auf diesen LINK führt zu einem größeren Foto von Paul Kälberers Michael.

Motivfenster

 

 

Weit weniger spektakulär als das Sgraffito sind die 8 Motivfenster, die 1914 von Gust. Th. Dürr (Stuttgart) realisiert wurden und sich gut in die übrige Bleiverglasung einpassen. Leider sind sie so klein, dass sie in der großen Kirche kaum auffallen und fast schon "untergehen".

 

Die Fenster nehmen christliche Motive aus den Holzmalereien der Kirche auf u.a. auch Pelikan und Phönix (siehe Bauernbarock).

 

 

Fotos: (c) H. Scheich

Der Altar

Der schlichte Sandsteinaltar ist sicherlich wesentlich jünger als die Kirche selbst oder extrem gut restauriert.

 

Die Wollparamente passen in Farbtönen und Motiven zum Bauernbarock. Das war auch leitend für die Damen des "Kreativen Frauenkreises", die 2015-16 beide, bis dahin, fehelnde (schwarz, rot) Antependien mit großem Eifer, Liebe zum Detail und großem handwerklichen Geschick selbst für die Kirche erstellten.

 

Das Kugelkreuz auf dem Altar verweist auf die Weltherrschaft des auferstandenen und in den Himmel aufgefahrenen Christus (vgl. Eph. 1,20-22).

 

Foto: (c) H. Scheich

Die Kanzel

 

Direkt über dem Altar, quasi als zentraler Blickfang der Kirche, befindet sich die Kanzel aus dem Jahr 1751 und ein darüber hängendes Kruzifix.

 

Neben den vier Evangelisten ist (nicht zufällig zentral und mit Blick auf die Gemeinde) auf den Holzvertäfelungen auch Reformator Martin Luther dargestellt. Neben ihm ist eine Gans. Sie erinnert an den tschechischen Reformator Jan Hus (Gans), dem zugeschrieben wird, dass er 1415 auf dem Scheiterhaufen gesagt haben soll: "Heute bratet Ihr eine Gans. Aus der Asche aber wird ein Schwan entstehen". Schon Luther selbst hatte das auf sich bezogen.

 

Fotos: (c) H. Scheich

 

Um die Kanzeldarstellungen vollständig anzusehen, einfach durch Anklicken vergößern:

Der Taufstein

Das älteste "Inventar" der Kirche könnte der Taufstein sein. Seine Entstehungszeit wird auf 1505 (Bickelsberg wird Pfarrei) vermutet. Dafür könnten auch die Verzierungen sprechen, die an spätgotische Fenster bzw. Rosetten erinnern.

Auf der Oberseite ist die Jahreszahl 1811 eingehauen. Sie deutet darauf hin, dass der Stein in diesem Jahr verschlossen oder bearbeitet und dabei der obere Abschluss neu gestaltet wurde.

 

Ursprünglich war der Stein (Farbreste sind erkennbar) in blauer und roter Farbe bemalt, was auf Jesu Aussage der Wiedergburt aus "Wasser und Geist" (Joh. 3,5) hinweist.

 

Foto: (c) H. Scheich

Die Orgel

 

 

Sehr schön fügt sich die Orgel in das Gesamtgefüge der Kirche ein. Ob der Orgelprospekt tatsächlich aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts stmmt oder von 1872 (wie der Kranz ausweist), ist leider nicht mehr zu klären.

Sicher ist, dass das technische Innenleben von Orgelbauer Weigle stammt.

 

 

Foto: (c) H. Scheich

Die Sakristei bzw. das separate Gestühl

Etwas Besonderes ist das ein einzeln stehendes Gestühl, das wie ein Chorgestühl gestaltet ist, aber lediglich drei Sitzplätze bietet. Da es in der Zeit des Kirchenbaus kein Patronat einer ansässigen Adelsfamilie für Bickelsberg gab, kann man nicht von einem Patronatsgestühl sprechen. Evtl. war das Gestühl von einer sehr wohlhabenden (Bauern-=Familie oder vom Leidringer Vogt gestiftet worden. Dann könnte auch der abgeschlossene Raum, der heute als Sakristei dient, dazugehören, der in seiner Form und mit seinen Fenstern und Vorhängen ein wenig an einen Beichtstuhl erinnert (da das Kirchenschiff aus dem 18. Jahrhundert stammt und von Anfang an evangelisch war, ist das als Ursprung des Raums aber sehr unwahrscheinlich). Dafür spricht auch, dass beide Einrichtungen keine christlichen Symbole aufweisen, sondern nur Naturmotive.

Eventuell wurde auch bei den "hohen Persönlichkeiten" die Trennung von Männern und Frauen, die für die übrigen Gottesdienstbesucher/innen durch die Empore gewährleistet wurde, durchgehalten und die "bedeutenden" adligen wurden im separaten Raum am Gottesdienst beteiligt, evtl. auch, damit die übrigen, vielleicht auch eher Armen Bauersleute, sich während des Gottesdienstes vom reicheren "Sonntagshäs" der Damen ablenken ließen.

Fotos: (c) H. Scheich