Warum eigentlich Pfarr- und Strukturpläne?

Ein großer Teil der gesellschaftlichen Entwicklung, die man heute "Demographischer Wandel" nennt, hat ihren Ursprung in den 1960er ("Babyboomer") und 1970er ("Pillenknick") Jahren. In den 2020er Jahren wird ein Großteil der Babyboomer in den Ruhestand gehen. Das verändert auch die Finanzierungsmodelle von Staat und Kirche drastisch. Anders als der Staat kann Kirche dies nicht - z.B. durch Migration o.ä. - kompensieren.
Dazu kommen weitere, gesellschaftliche Faktoren, die Kirche massiv beeinflussen, wie erhöhte Mobilität, abnehmende Kirchenbindung, Spaßgesellschaft, Konsum- statt Beteiligungsmentalität usw., die dafür sorgen, dass Kirche, trotz aller Anstrengungen und Versuche (und des besten aller Inhalte: Die Frohe Botschaft Jesu Christi), quanitativ eher schrumpft als wächst.
Dazu kommt, dass die Evangelische Landeskirche Württemberg in den 1990er Jahren relativ unvorbereitet vor dem Phänomen "Theologenschwemme" stand und leider nicht immer angemessen - mit vielen Verletzungen und Entäuschungen - reagierte.

 

Deshalb gibt es seither alle 6 Jahre sog. "Pfarrpläne", die versuchen, vorab mit absehbaren Entwicklungen umzugehen. Nicht kalkulieren können sie natürlich große Wunder wie gewaltiges Mitgliederwachstum oder Einbrüche durch massiven Mitgliederschwund.
Daneben haben sie die Aufgabe, Ungleichgewichte abzubauen. Im Kirchenbezirk Sulz gibt es derzeit Pfarrpersonen, die für 1800-2200 Gmeindeglieder zuständig sind, andre lediglich für 700. In manchen "Distrikten" sind für manche Arbeitsfelder Diakone eingesetzt in anderen keine. Dahinter stecken oft jahrhundertelang gewachsene Strukturen. Dennoch muss ein Arbeitgeber (Landeskirche) - der nur sehr bedingte, finanzielle Möglichkeiten des Ausgleichs solcher Ungleichhheiten hat - an dieser Stelle auch seine Fürsorgepflicht wahrnehmen und die Kirchenbezirke zu Solidarität und Ausgleich bei solchen Verhältnissen motivieren.


Die Pfarrpläne 2024 und 2030 reagieren derzeit darauf, dass man heute ziemlich genau sagen kann, wie viele Pfarrpersonen ab 2020 in den Ruhestand gehen (ca. 120 pro Jahr), wie viele man aus finanzieller Sicht dafür einstellen könnte (45-50 pro Jahr)  und wie viele Menschen derzeit Theologie mit dem Berufsziel Pfarrer/in studieren (ca. 40 pro Jahr - von denen, erfahrungsgemäß, nur ca. 25-30 auch tatsächlich in den Pfarrdienst kommen) studieren.
Nachdem sich dieses Verhältnis schon längere Zeit abzeichnetete, wurden seit dem Pfarrplan 2011 kontinuierlich Pfarrstellen gestrichen, um nicht dauerhaft riesige Listen nicht besetzbarer, vakanter Stellen zu bekommen, die von Nachbarpfarrämtern "mitversorgt" werden müssen, worunter auch besetzte Pfarrämter und deren Gemeindeglieder zu leiden hätten. Dabei wurden Kirchengemeinden immer zeitgleich zu Strukturveränderungen motiviert, die es ermöglichen, Pfarrämter zu schaffen, die für handhabbare Gemeindestrukturen zuständig sind. So waren und sind Pfarrpläne immer auch Gemeindepläne.
In einem, niemals idealen aber möglichst gerechten, Verteilschlüssel bedeutet das für den Kirchenbezirk Sulz im Pfarrplan 2024 eine Reduzierung von derzeit 30,25 auf 25,75 Pfarrstellen und im Pfarrplan 2030 vermutlich auf 21,75 Stellen. Pessimisten rechnen sogar mit 20 oder weniger.

 

Nachdem der Teil vom Kleinen Heuberg, der zum Kirchenbezirk Sulz gehört, mit seinen sehr kleinen Kirchengemeinden - wie durch ein Wunder - beim Pfarrplan 2018 von Einsparungen verschont blieb, werden auf diesen nun deutliche Einschnitte zukommen, auf welche die Kirchengemeinden reagieren müssen. Aber warum eigentlich?
Manche sagen: "Ist doch einfach! Dann versorgt halt eine Pfarrperson statt einer oder zwei gleich vier oder fünf Gemeinden und schon ist alles geregelt".
Allerdings arbeiten viele Pfarrpersonen bereits jetzt an der Belastungsgrenze oder darüber hinaus. Manche Dinge sind zudem schon deshalb schwierig, weil sich eine Person nicht teilen kann. So darf z.B. fraglich sein, ob es viele Pfarrpersonen geben wird, die sonntags drei bis fünf Gottesdienste feiern würden und ob Kirchengemeinden erfreut wären, dass "ihr" Gottesdienst dann evtl. um 6, 14 oder 18 Uhr wäre. Zudem wird mittelfristig die Zahl der Bestattungen zunehmen. Überdies muss eine Pfarrperson - per Kirchengesetz - bei jeder KGR-Sitzung einer eigenständigen Kirchengemeinde dabei sein. Überdies muss sie auch Religions- und Konfirmandenunterricht erteilen, ist zuständig für die Angestellten und die Verwaltungsaufgaben im Pfarramt.
Man erkennt, dass schon diese Tätigkeiten in gleichzeitig vier oder mehr eigenständigen Kirchengemeinden nahezu nicht zu bewältigen wären. Bedenkt man dazu den Zeitaufwand in den einzelnen Handlungsfeldern (der durch zunehmende Professionalisierung und Erwartungsdruck ständig steigt), merkt man, dass die Pfarrperson darüber hinaus nichts mehr anderes (wie Besuche aller Art, Glaubenskurse, Veranstaltungen z.B. für Erwachsenenbildung, Mitarbeiterbegleitung und -schulung, Seelsorge in Problemlagen, Besuche in Gruppen und Kreisen, Öffentlichkeitsarbeit, Besuche örtlicher Veranstaltungen, Engagement in überlokalen Gruppierungen, Einsatz für missionarische oder diakonischen Anliegen usw.) tun würde bzw. könnte.
Deshalb ist es sinnvoll, dass die Kirchengemeinden bei abnehmender Pfarrpersonenzahl Strukturen schaffen, die auch künftig weiterhin "echte", machbare und gute Gemeindearbeit ermöglichen. Dies aber ist in der Verantwortung der Kirchenbezirke und jeder einzelnen Kirchengemeinde, die als "Körperschaft öffentlichen Rechts" zu nichts gezwungen werden kann. Mit Verweigerung jeder Art aber "ärgern" sie nicht den Oberkirchenrat, sondern schneiden sich ins eigene Fleisch und das der "Nachbarn", zumindest was die Versorgung durch/mit Pfarrer/innen betrifft.


Zudem kann gemeinsames "Zusammenwachsen" - im Sinne von 1. Kor. 12,12-13 - für alle Beteiligten gegenseitige Entlastungen, ungeahnte, gemeinsame Entdeckungen und Bereicherungen mit sich bringen und ist so auch eine große Chance durch die verbindende Kraft und Liebe Gottes.